Mit einem weinendem und lachendem Auge

Die Besuchergruppe am Ende der Besichtigung
Die Besuchergruppe am Ende der Besichtigung

pn - Im Nachhinein bleibt schon ein trauriges Gefühl hängen, wenn man weiß, dass man an der letzten Führung eines technischen Bauwerks teilgenommen hat, das bald nicht mehr sein wird.

Dementsprechend unruhig war die gefühlte Stimmung der 20 Teilnehmer bei der letzten Führung durch die Sendeanlage des SWR Rheinsenders, der ursprünglich am 15. Mai 1950 seinen Betrieb aufnahm und am 8. Januar 2012 nach fast 62 Jahren einstellte. Seine Aufgabe einer flächendeckenden Grundversorgung verlor er im Laufe der letzten Jahre immer mehr, weswegen er auch aus Kostengründen für den Südwestrundfunk nicht mehr tragbar war.

Über die Geschichte des Senders können sie sich hier informieren. Jetzt hieß es aber, diese noch einmal Revue passieren zu lassen. Der Initiator der letzten Führung ist Matthias, DL9MWE aus Hannover. Walter DH0PAW (OVV MZ-Lerchenberg) wurde auf einen Hinweis aufmerksam gemacht und lud weitere Interessenten ein. Per Mundpropaganda war die maximale Interessenschar von 20 Personen schnell erreicht.


Der eigentliche Hochfrequenzerzeuger
Der eigentliche Hochfrequenzerzeuger

Am 30. April 2012 trafen wir uns im Hof links neben dem Hauptgebäude und lauschten hier bereits den ersten Erzählungen unserer beiden Führer zum Sender. Hr. Ziemer von der Sendetechnikgruppe Donnersberg, dem auch der Rheinsender unterstand konnte uns über aktuelle Ereignisse auf dem Laufenden halten, während Hans-Diether Lerch als langjähriges Mitglied des Ortsverbandes Mainz und als Mitarbeiter in Ruhestand alles über die Aktivitäten der Vergangenheit erzählen konnte.

Hans-Diether kannte fast jede Schraube persönlich und wartete mit vielen technischen Details auf und berichtete auch über organisatorische Probleme, die verschiedentlich als Hindernisse bewältigt werden mussten. Egal ob es um verschiedene Ausbaustufen, Sende-leistungen, Antennenanpassungen oder Einspeisungen ging – er konnte davon interessante Geschichten erzählen.

Durch die Büroräume näherten wir uns dem großen Eingangsportal. Hohe Decken, teilweise mit Stuck versehen, ließen den Gedanken aufkommen, man würde eher eine Villa von gehobenem Standard betreten, als ein Industriegebäude. Durch eine Glasfront getrennt, betritt man den großen Saal mit der Sendetechnik. An den Kennzeichnungen des Bodens, konnte man erahnen, dass hier zwei große Sender parallel betrieben wurden. So hat man nach dem Start im Jahr 1950 im Laufe der Zeit die Leistung von 70 kW auf bis zu 600 kW erhöht. Heute steht nur noch ein 130 kW Sender dort und verliert sich fast in der großen Halle. Wieder fallen dem geneigten Besucher die Deckenfließen auf, die der Ansicht wieder eher etwas Adliges andichten lassen.

Einziger noch aktiver Sender ist derzeit ein kleiner Schrank, in dem der UKW Sender 94,9 MHz mit 3 kW betrieben wird. Über diesen hört man hier in Rheinhessen das Programm SWR4.

Der UKW-Sender mit Steuerung, Treiber und 3 kW Endstufe (unten). Die Antennen befinden sich auf dem kleineren Mast.
Der UKW-Sender mit Steuerung, Treiber und 3 kW Endstufe (unten). Die Antennen befinden sich auf dem kleineren Mast.

Da die Sendeleistung ja auch irgendwie zu den einige hundert Meter entfernten Masten gebracht werden muss, bekamen wir in den Kellergewölben den Verhau von Leitungen und Schaltern gezeigt und konnten verfolgen wo die Leitungen in der Erde verschwanden.

Die Infrastruktur früher war gewaltig. Wo ein Sender Wärme produzierte, musste auch gekühlt werden. Wasser zum Kühlen war aber nicht vorhanden, also wurde dieses in reinster Form (hochgradig destilliert) herangefahren. Später legte man Zisternen im Boden an, wo Wasser gesammelt und mit einer eigenen Osmose-Anlage aufwendig aufbereitet wurde. Über Kühlbecken vor dem Haus brachte man die Wärme ins Freie. Später diente ein Kühlturm diesem Zweck und die Teiche vor dem Haus wurden zugeschüttet.

Alle waren hochmotiviert und so machte sich die Gruppe auf zum größten der beiden Sendemasten. Mit 150 Metern ist dieser Mast trotzdem modular. Er besteht eigentlich aus 2 Masten mit jeweils 75 Metern Länge. Der Mast an sich hat für jeden Teil eine eigene Einspeisung und kann aber auch mit einer Brücke zusammengeschaltet werden. Anders ist es bei dem nur 103 Meter hohen neueren Mast, der die UKW-Sendeantennen trägt und um den herum eine Drahtreuse aufgespannt hat. Hier wurde einige Zeit einmal ein Versuchssender im Mittelwellenbereich betrieben, mit dem man ein DRM (DigitalRadioMondial) Signal ausstrahlte. Beide Masten lassen sich heute noch in allen Kombinationen zusammenschalten oder auch getrennt nutzen.

Unsere Führer konnten auch hier wieder über interessante Dinge berichten. Erst wenn man im Raum mit der Antennenanpassung steht, sieht man, welchen Aufwand man treiben muss um diese Kombinationen möglich machen zu können. Mannshohe Spulen mit einem Drahtdurchmesser eines Armquerschnitts waren hier mehrfach zu finden. Dabei war man zusätzlich noch in der Lage jederzeit die Frequenz ändern zu können. Metallblättchen mit Markierungen wurden dann außen auf den Spulen angebracht oder entfernt. Dass hier täglich die Anpassung überwacht werden musste, weil geänderte Umweltbedingungen eine Nachregelung nötig machten, konnte uns Hr. Lerch am zentralen Schaltkasten deutlich machen.

Wieder am Hauptgebäude angekommen, bekamen beide ein kleines Präsent als Dankeschön für diese einmalige Wissenstour überreicht – es war wohl die letzte Besichtigung, denn bald beginnen die Ausräumungsaktionen im Haus, für das man übrigens neue Interessenten sucht. Nach diesem „letzten Geleit“ verabschiedeten sich die Besucher aus insgesamt 6 Ortsverbänden – eines steht aber fest – man wird sich noch lange an dieses Ereignis erinnen.

Ist nun Geschichte: Die technischen Daten am Eingang
Ist nun Geschichte: Die technischen Daten am Eingang