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Elektromagnetische Umweltverträglichkeit (EMVU) - Fragen und Antworten

Prof. Dr. Jochen Jirmann
Elektromagnetische Umweltverträglichkeit (EMVU) - Fragen und Antworten

1. Wie sieht die Geschichte der Funksysteme in Stichpunkten aus?

Die ersten Großfunkstellen entstanden vor rund 100 Jahren, um die transkontinentalen Seekabel zu entlasten.
Der Rundfunk kam 1923 dazu, das Fernsehen 1935 (es wurde aber erst im zweiten Anlauf ab 1952
zum Massenmedium).
Die vielfältigen Funknavigationshilfen für die Luft- und Seefahrt wie Radar, Landeleitstrahl,
Funkfeuer, Funkhöhenmesser oder Hyperbelnavigation wurden von 1930 bis 1995 eingeführt,
das letzte "große Projekt" war die Satellitennavigation GPS.
Private Funkdienste und öffentliche Mobilfunkdienste gewannen in den Jahren 1955...1965 an
Bedeutung, ab erst durch Fortschritte der Mikroelektronik wurden Geräte der heutigen Kleinheit
möglich.

2. Was haben Rundfunkdienste und Mobilfunkdienste gemeinsam, wo unterscheiden sie sich?

Rundfunk- und Mobilfunkdienste haben folgende Gemeinsamkeiten: sie sollen ein geografisch
festgelegtes Gebiet funktechnisch versorgen, also eine Mindest-Empfangsqualität (siehe Punkt 5)
sicherstellen. Elektromagnetische Wellen mit Frequenzen über 30 MHz breiten sich wie
Lichtwellen geradlinig aus; Gebäude werfen "Funkschatten" und reflektieren die Wellen teilweise.
Weiterhin befinden sich die Teilnehmer in Nähe der Erdoberfläche. Da der Betrieb der Sender mit
Stromkosten verbunden ist, verwendet man Richtantennen, die eine möglichst gleichmäßige
Leistungsdichte an der Erdoberfläche des Versorgungsgebietes erzeugen. Unnütze Abstrahung
direkt nach unten und nach oben in den Weltraum wird unterdrückt. Man vergleicht das am besten
mit dem Abblendlicht eines Autos, das einen genau definierten Bereich der Straße beleuchtet.
Der Sender ist die Lampe, die Antenne ist der Reflektorspiegel und /oder die Projektionslinse.
Man spricht funktechnisch hier von einer effektiven Strahlungsleistung (EIRP abgekürzt), die das
Produkt aus an der Antenne ankommenden Hochfrequenzleistung und der Antennenwirksamkeit
(dem Gewinn) darstellt.
Rundfunkdienste wie Radio auf Langwelle, Mittelwelle und Kurzwelle, der UKW-Rundfunk und
das Fernsehen arbeiten nur in einer Richtung, vom Sender zum Teilnehmer. Um mit vernünftigen
Aufwand eine flächendeckende Versorgung zu erreichen (auch im engsten Frankenwald-Tal möchte
man mit portablen oder mobilen Empfängern mehrere Programme empfangen), werden große
Antennenanlagen auf geografisch günstigen Standorten und große Sendeleistungen im Bereich von
vielen Kilowatt bis zu Megawatt eingesetzt. Die effektive Strahlungsleistung z.B. des Senders
Ochsenkopf liegt im UKW-Rundfunk bei rund 100 Kilowatt pro Programm, während die tatsächlich
erzeugte Hochfrequenzleistung nur bei 10 Kilowatt pro Programm liegt. So läßt sich halb
Oberfranken von einem Standort aus versorgen. Zum Vergleich: Eine Waschmaschine benötigt
maximal etwa 3 Kilowatt Leistung! Zusätzlich gibt es zur Lokalen Versorgung einzelner, ungünstig
gelegener Ortschaften in Ortsnähe installierte "Füllsender" mit Leistungen von einige Watt bis etwa
einem Kilowatt, in Coburg z.B. die Standorte Eckardsberg (UKW-Rundfunk, DAB) und
Bismarckturm (Fernsehen).
Mobilfunkdienste müssen wie beim Telefon eine Verbindung in beiden Richtungen (vom und zum
Teilnehmer) aufbauen. Das Teilnehmergerät soll klein, billig und stromsparend sein, daher
verbieten sich auf der Teilnehmerseite große Sendeleistungen und unhandliche Antennen. Ein
günstiger Kompromiß arbeitet mit einer Sendeleistung von rund einem Watt und einer kleinen, ins
Gehäuse eingebauten Antenne. Unter diesen Bedingungen ist im dicht bebauten Gebiet eine
Reichweite von rund einem Kilometer sicher erzielbar, im freien Gelände sind je nach
Antennenhöhe der Basisstation auch 10...20km drin. Die ortsfesten Basis-Stationen arbeiten mit
Sendeleistungen zwischen einem und 20 Watt und Richtantennen, die eine "fächerförmige"
Bündelung der Funkwellen erzeugen. In der Senkrechten ist der Öffnungswinkel 6° (bei großen
Antennen) bis 27° (bei kleinen Antennen), in der Waagrechten ist der Öffnungswinkel in der Regel
120°, manchmal auch 65°. Die Richtantenne der Basisstation sammelt auch die schwache
Funkwelle des Mobilteilnehmers ein und macht sie erst auswertbar. Man kann diese Funktion einer
Antenne mit einem Kamera-Objektiv vergleichen: je größer die Optik ist, desto schwächer kann die
Beleuchtung für gute Bilder sein. Man kann das nicht beliebig weit treiben, da die Empfangsantenne
zusätzlich natürliche und technische Störungen empfängt, denn selbst der warme Erdboden ist ein
"Störsender"; wer schon mal eine Thermografie seines Hauses hat machen lassen, kennt den Effekt.

3. Was sagen die Begriffe Sendefrequenz, Feldstärke oder Leistungsdichte aus?

Vergleichen wir die Begriffe mit Schallwellen und unserem Gehör: Die Sendefrequenz
(Schwingungszahl der Elektromagnetischen Welle) ist das gleiche wie die Tonhöhe eines
Schallereignisses, während Feldstärke und Leistungsdichte Maße für die Lautstärke eines
Schallereignisses sind. Die Lautstärke entscheidet über die Lästigkeit bzw. Gefährlichkeit von
Lärm: das dumpfe Bumm-Bumm (niedrige Frequenz) aus einer der bei der Jugend so beliebten
"Auto-HiFi-Anlagen" nervt genauso wie das hochfrequente Pfeifen eines Lüfters in einem
Computer. Die Leistungsdichte sinkt übrigens quadratisch mit dem Abstand von der Antenne!
Bei 10-fachem Abstand beträgt die Leistungsdichte nur noch ein Hundertstel.

4. Wie kommen die Grenzwerte für Feldstärke und Leistungsdichte bei Sendeanlagen zustande?

Elektromagnetische Wellen von technischem Wechselstrom bis hin zu Infrarotlicht dringen in den
menschlichen Körper ein und werden in Wärme verwandelt. Die Eindringtiefe sinkt mit der
Sendefrequenz. Dies wird seit langem (seit 1930!) in der Medizin zur Gewebeerwärmung benutzt,
um Heilprozesse zu beschleunigen. Die Infrarotlampe schafft nur eine oberflächliche Erwärmung,
die beim HNO-Arzt üblichen Mikrowellengeräte (Leistung um 150 Watt, Frequenz 2450 MHz)
haben eine Eindringtiefe von einigen Zentimetern. Zur Erwärmung tiefer Gewebeschichten muß
man niedrigere Frequenzen (10...100 MHz) verwenden, die ärztliche Kurzwelle. Ausgehend von
den medizinischen Erfahrungen hat man Leistungsdichten in Watt pro Quadratmeter ermittelt,
die noch keine meßbare Erwärmung des Gewebes bewirken. Die so ermittelten Leistungsdichten
werden nochmal um einen Sicherheitsfaktor von 10...50 verringert; So erhält man je nach Frequenz
die Grenzwerte der Leistungsdichte von 2...10 Watt pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Wenn Sie in
der Sonne liegen, sind Sie einer Leistungsdichte von rund 1000 Watt pro Quadratmeter ausgesetzt,
die bei reichlich Zufuhr von inneren Kühlmitteln (z.B. in Form von Limonade oder Gerstensaft)
durchaus erträglich ist! Die von den Elektrosmog-Aktivisten regelmäßig als Totschlagargument
gebrauchten nicht-thermischen Wirkungen haben sich bisher einem Nachweis entzogen.
Für alle Sendeanlagen mit einer effektiven Leistung von mehr als 10 Watt muß daher der
erforderlich Sicherheitsabstand errechnet oder gemessen werden. Der Sicherheitsabstand geht vom
ungünstigsten Fall aus: Sender auf maximale Sendeleistung eingestellt, Dauerbetrieb des Senders,
Person in der Hauptstrahlrichtung der Antenne und Dauer-Aufenthalt, also 24 Stunden am Tag.
Innerhalb des so ermittelten Sicherheitsbereiches dürfen sich keine Personen ständig aufhalten, also
keine Arbeits- oder Wohnräume, aber auch keine frei zugänglichen Wege und Plätze befinden.
Allerdings gilt die Berechnung nur in größerem Abstand von der Antenne, dem sogenannten
Fernfeld; ist der Abstand kleiner als die größte Antennenabmessung oder die Wellenlänge, liefert
die Rechnung zu hohe Feldstärken, hier müssen Messungen mit speziellen Feldsonden
vorgenommen werden. Bei einem Mobiltelefon mit 2 Watt beträgt der rechnerische
Sicherheitsabstand 20 Zentimeter (eine Messung liefert nur einige Zentimeter), bei einer
Basisstation mit der größten üblichen Antenne sind es rund 6 Meter in der Hauptstrahlrichtung und
unter einem Meter direkt unterhalb der Antenne.
Bei ortsfesten Sendeanlagen wird der Sicherheitsabstand in der Regel allein durch die Aufbauhöhe
der Antennen eingehalten. Nur bei Großsendern des Rundfunks sind aus hochfrequenztechnischer
Sicht manchmal Schutzzäune oder andere Absperrungen erforderlich. Meist sind sie schon aus dem
Grund vorhanden, um Personen vom Hochklettern an Masten oder Abspannseilen abzuhalten.

5. Wie groß sind die durch Sendeanlagen erzeugten Leistungsdichten im normalen Leben?

Die in Ortschaften meßbaren elektromagnetischen Wellen stammen hauptsächlich von den örtlichen
Rundfunk- und Fernsehsendern, die hiervon erzeugten Leistungsdichten liegen im Bereich von
Mikrowatt pro Quadratmeter, die Leistungsdichten der Mobilfunksender sind in der Regel in der
gleichen Größenordnung oder kleiner. Diesers Ergebnis überrascht nicht, denn die für brauchbare
Empfangsqualität nötigen Mindest-Leistungsdichten sind viel höher als beim Mobilfunk. Einige
Beispiele für die genormten Mindest-Leistungsdichten:
- UKW-Rundfunk (Stereo) 0,66 Nanowatt/Quadratmeter
- Fernsehen (Kanal 2 - 4) 0,17 Nanowatt/Quadratmeter
- Fernsehen (Kanal 38 -69) 33 Nanowatt/Quadratmeter
- GSM-Mobilfunk (D-Netz) 0,017 Nanowatt/Quadratmeter
- GSM-Mobilfunk (E-Netz) 0,068 Nanowatt/Quadratmeter
Durch die bei den Mobilfunk-Basisstationen verwendeten Richtantennen ergibt sich sogar die
paradoxe Situation, daß deren Leistungsdichte in der unmittelbaren Umgebung unterhalb der
Antenne am kleinsten ist! Die Antenne schaut gleichsam über die Köpfe der Nachbarn hinweg und
die von ihr erzeugte elektromagnetische Welle erreicht erst in einem Abstand von 200...1000
Metern den Erdboden. Man sieht das an einigen Basisstationen: Die Antennenmodule sind nicht
exakt senkrecht montiert, sondern leicht nach unten geneigt. Anderfalls schaut die Antenne zum
Horizont und somit in den Himmel!
Die größten Feldquellen sind Mobiltelefone im Gesprächszustand selbst, denn sie werden in
Körpernähe betrieben und die Leistungsdichte sinkt (mindestens) quadratisch mit dem Abstand von
der Antenne. Handys und einige Basisstationen regeln übrigens ihre Sendeleistung stets so weit
herunter, daß gerade noch eine sichere Verbindung besteht; nur in extrem schlecht versorgten
Gebieten wird das Handy mit vollen 2 Watt senden.
Die Stiftung Warentest (test 1/2002) zeigte auch, daß die Reduktion der SAR-Werte (also der
Strahlungsleistung im Nahfeld bzw. "Elektrosmog-Belastung") mit deutlich schlechterer
Übertragungsqualität (bis zum Gesprächsabbruch) in ungünstig versorgten Gebieten einhergeht.
Man befindet sich also an der Grenze des technisch Machbaren. Will man die Sendeleistungen
reduzieren, so muß man das Netz der Basistationen dichter machen. Trotzdem behaupten
"Experten" immer noch, man könne die Sendeleistungsdichte auf ein Millionstel des heute üblich
Wertes ohne sonstige Maßnahmen reduzieren und trotzdem telefonieren! Was es mit dem in diesem
Zusammenhang genannten Antennenverstärker auf sich hat, ist nicht herauszufinden.

6. Von den Elektrosmog-Aktivisten wird immer der Begriff der "gepulsten Sender" gebraucht. Was
hat es damit auf sich?

In der Tat wird die "gepulsten Aussendung" immer als Begründung angeführt, warum die
Mobilfunksender schädlich, andere Sender aber bei gleichen oder größeren Leistungsdichten
ungefährlich sind. Der Grundtenor ist: Sender, die in der Leistungsdichte schnell schwankende
elektromagnetische Wellen abgeben, sind gefährlich, solche, die eine leistungsmäßig konstante
Aussendung erzeugen, sind ungefährlich!
Leider zeigt diese Anssage, wie wenig Sachwissen in Elektrosmog-Kreisen vorhanden ist: Es ist
richtig, daß Mobiltelefone ihren Sendeteil immer nur ganz kurze Zeit einschalten, um Daten zu
übertragen und anschließend (um Batteriestrom zu sparen) auf Empfang gehen. Dieses Verfahren
bezeichnet man als gepulste Sender oder exakter als Zeitschlitz-Verfahren. Doch viele
Basisstationen (speziell die kleineren) schalten ihren Sender nicht ab, sondern arbeiten im
Dauerbetrieb wie ein Rundfunksender.
Andererseits arbeiten alle Fernsehsender mit einem amplitudenmodulierten Übertragungsverfahren,
das in einem Zeitraster von 50 Hertz und 15625 Hertz Hochfrequenzpulse erzeugt.
Auch die Rundfunksender auf Langwelle, Mittelwelle und Kurzwelle arbeiten mit
"trägersteuernder Amplitudenmodulation", erzeugen also je nach Programminhalt "gepulste
Sendungen".
Radaranlagen der Flugsicherung oder der Schifffahrt und einige Flugnavigationssysteme
(Sekundärradar, DME) arbeiten mit gepulsten Sendern, und mit Leistungen, die im Kilowatt- bis
Megawattbereich liegen!
Die digitalen Zugfunknetze der Bahn arbeiten übrigens auch mit dem gleichen Verfahren wie die
GSM-Mobiltelefone, und die Basisstationen an den Bahnlinien stehen oft im bebauten Gebiet.
Auch der Sender "DCF77" in Mainflingen, der die DCF-Uhren mit der genauen Zeit versorgt, ist
ein gepulster Sender, seine Leistungsdichte liegt bei uns um die 3 Nanowatt/Quadratmeter.
Schließlich soll der Uhrzeitempfang auch in Gebäuden und mit den in Armanduhren
unterbringbaren kleinen Antennen funktionieren!
Selbst die Diathermiegeräte in der Arztpraxis oder die Kernspintomografen arbeiten mit gepulsten
Sendern, letztere auch noch mit Magnetfeldern, die 20000-fach stärker als das Erdmagnetfeld sind!
Die einzigen Sendeanlagen, die eine konstante Leistung an die Antenne abgeben, sind die UKWRundfunksender.
Leider ist deren Feldstärke örtlich variabel: Wenn Sie herumlaufen, sind Sie
wieder in ihrer Stärke ständig schwankenden Feldern ausgesetzt.
So gibt es zu denken, daß die Beschwerderate gegen Rundfunk/Fernsehsender und Anlagen der
Schiffahrt oder Flugsicherung praktisch Null ist. Die Ausnahme war die Sendeanlage von Radio
Free Europe / Radio Liberty in Holzkirchen: hier wurde jahrelang offenbar aus politischen Gründen
(Propagandasender der Amerikaner etc.) eine unbenutzte Antennenanlage bekriegt!

7. Wie groß ist die natürliche elektromagnetische Feldbelastung?

Wir befinden uns in einem weitgehend konstanten Magnetfeld der Erde mit einer Stärke von rund
40 Mikrotesla. Das Erdfeld weist zu Zeiten hoher Sonnenfleckenzahl stärkere, kurzfristige
Schwankungen auf, die sogar an der Kompaßnadel zu beobachten sind. Sobald wir uns bewegen
sind wir Feldschwankungen ausgesetzt, die um Größenordnungen über den Magnetfeldern liegen,
die elektrische Hausgeräte erzeugen.
Sobald wir ins Freie gehen, wirkt auf uns ein natürliches elektrisches Feld mit Feldstärken von
200...1000 Volt/Meter. Zum Vergleich: Sendeanlagen erzeugen im Bereich des UKW-Rundfunks,
Fernsehens und Mobilfunks an der Grenze des Sicherheitsbereiches Feldstärken zwischen 27 und 60
Volt pro Meter.
Im Sommer sind wir den gepulsten "Sendungen" der Gewitter ausgesetzt, die sich über weite
Strecken ausbreiten und mit jedem Mittelwellenradio als krachende Geräusche hörbar gemacht
werden können.

8. Was sagt der Begriff Fenstereffekte?

Der Begriff Fenstereffekt sagt, daß eine große Menge Schadstoff große Schäden an der
menschlichen Gesundheit hervorruft, bei Verringerung der Dosis geht die Schädigungswirkung auf
Null zurück, um bei kleinen Dosen wieder sehr hohe Werte zu erreichen.
Die Elektrosmog-Szene benutzt diesen Begriff gerne um ihr nicht genehme Untersuchungsergebnisse
anzuzweifeln: man hätte bei der falschen Frequenz, Leistungsdichte oder Betriebsart des
Elektromagnetische Umweltverträglichkeit (EMVU) Seite - 4 - 10.09.2004 jir
Senders gemessen; Die Schädigungsfenster seien zudem sehr schmal (und liegen genau auf den
Sendefrequenzen oder Pulswiederholfrequenzen der Mobilfunkdienste). Zusätzlich wird behauptet,
daß diese Schädigungs-Fenster auch noch individuell verschieden sind.
Es gibt aus der Biologie und Physiologie keine Hinweise, daß solche schmalen Fenster der
biologischen Empfindlichkeit oder Unempfindlichkeit existieren.

9. Kann der von den Elektrosmog-Aktivisten verlangte Beweis der absoluten Unschädlichkeit
erbracht werden?

Dieser Beweis ist nur nach unendlich langer Experiment-Dauer erbringbar, und unsere Erfahrung
mit Funksystemen beträgt erst 100 Jahre. Genau so argumentiert die Elektrosmog-Szene: es wurden
noch nicht genug Untersuchungen angestellt, um die Ungefährlichkeit zu "beweisen". Es geht dabei
nur darum, durch immer neue Gutachten Geld zu verbraten und Zeit zu gewinnen in der Hoffnung,
daß die Funkbetreiber die Lust verlieren und aufgeben.
Man kann auch andersherum argumentieren: In Europa sind die D-Netze seit rund 10 Jahren in
Betrieb, und in einigen nordischen Ländern gehört das Mobiltelefon (wegen der dünnen
Besiedelung mit weit höherer Sendeleistung) seit mehr als 20 Jahren zum Alltag. Bei so vielen
"Versuchpersonen" sollte es doch möglich sein, einen statistisch und sachlich wasserdichten Beweis
zu erbringen?
Ich möchte die Frage der absoluten Gefahrlosigkeit an die Medizin zurückgeben: Kann ein
Mediziner beweisen, daß ein beliebiges von ihm verwendetes Medikament nicht in einigen Fällen
unerwünschte, womöglich sogar lebensbedrohende Nebenwirkungen hat? Hier wird die
Beweisfrage juristisch mit langen Nebenwirkungslisten gelöst: ein Normalbürger versteht sie kaum,
und ein Arzt schaut sie erst an, wenn etwas schiefgegangen ist.

10. Es gibt eine Flut von Studien zum Thema Elektromagnetische Umweltverträglichkeit, wie kann
ich den Wahrheitsgehalt einschätzen?

Mittlerweile dürfte die Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen weltweit bei weit über
20000 liegen. Eine ernstzunehmendeVeröffentlichung muß eine Anzahl von Bedingungen erfüllen:
- die Ausgangsdaten sind sorgfältig geprüft, frei zugänglich oder im Text enthalten
- bei experimentellen Untersuchungen wird der Versuchsaufbau vollständig beschrieben
- es ist eine eindeutige Ursache - Wirkungsbeziehung nachgewiesen, zufällige zeitgleiche
Auswirkungen fremder Ursachen sind ausgeschlossen
- das Ergebnis ist an anderer Stelle und mit anderer Geräte-Ausrüstung nachvollziehbar
- alle anderen Erklärungsversuche sind mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen worden
- Es ist eine Wirkungskette von der beobachteten Wirkung zu einer Schädigung bzw.
Beeinträchtigung der Gesundheit nachgewiesen.
Leider sind Schlampigkeit und Betrug auch in der Forschungslandschaft inzwischen ein ernstes
Problem, so manche bahnbrechende Forschungsarbeit auf medizinischem oder biologischem Gebiet
erwies sich als frei erfunden., um Fördergelder zu erschließen.
Größte Vorsicht ist bei "Studien" angezeigt, die nur durch Zusammenschreiben von anderen,
ungeprüften Arbeiten entstehen. Da werden natürlich nur solche Arbeiten ausgewertet, die die
eingene Lieblingstheorie stützen. Hier ist die Gefahr sehr groß, daß aus vagen Vermutungen
plötzlich bewiesene Tatsachen werden, also moderne Sagen und Mythen geboren werden.
Auch die medizinische Statistik hat ihre Tücken, die sich aus geringen Fallzahlen und/oder
unberücksichtigten Fremdeinflüssen ergeben. So kann man zwanglos aus dem Geburtenrückgang
der letzten Jahrzehnte und der sinkenden Zahl von Störchen beweisen, daß der Storch die kleinen
Kinder bringt. Ein vergleichbares Eigentor haben deutsche Elektrosmog-Aktivisten vor einigen
Jahren geschossen: eine amerikanische Studie hatte eine erhöhte Krebsrate in Wohngebieten entlang
von Eisenbahnlinien entdeckt. Sofort war der Beweis erbracht, daß der Elektrosmog der
Fahrleitungen die Ursache ist. Man vergaß in Deutschland nur, daß die Bahngesellschaften in den
USA haupsächlich mit Dieseltraktion fahren!
Bei experimentellen Untersuchungen ist es wichtig, die Versuchsaufbauten so zu dokumentieren,
daß ein Experiment nachvollzogen werden kann. Erst wenn das mehrfach gelingt, ist ein
experimenteller Befund bewiesen. Leider zeigen oft schon die Versuchsaufbauten, daß
physikalische oder hochfrequenztechnische Grundregeln nicht beachtet wurden und daher die
Ergebnisse fehlerhaft sind. Mit der Wiederholbarkeit von Experimenten, die die schädliche
Wirkung von elektromagnetischen Wellen beweisen sieht es schlecht aus. Seriöse
Veröffentlichungen zum Thema Handy wie z.B. der Stiftung Warentest (test 1/2002) oder
derApotheken-Umschau 8/2004 weisen darauf deutlich hin.
Man sollte nicht vergessen, daß man so ziemlich jedes Gutachten oder Untersuchungsergebnis auf
Bestellung erfinden lassen kann. So ist eine Schlüsselstudie des Lawrence Berkeley Laboratoriums
zur krebserzeugenden Wirkung niederfrequenter Felder aus dem Jahre 1992 später als bestellte
Fälschung entlarvt worden. Auch lokale Fachleute bekommen öfter mal scheinheilige Anfragen, ob
man denn "Elektrosmog-Messungen" am Ort X vornehmen könnte. Im weiteren Gespräch macht
dann der Auftraggeber unmißverständlich klar, wo sich der "Feind" in Form einer Mobilfunk-
Basisstation befindet und welche Ergebnisse im Gutachten erwartet werden!
So gesehen erinnern die in der Elektrosmog-Szene kursierenden "wissenschaflichen Abhandlungen"
oft den Wunderdiäten, die man alle paar Wochen in den Boulevardzeitschriften zu lesen bekommt:
ein paar lautstarke Verfechter sehen sie als bewiesen an (und verdienen oft Geld damit), doch keiner
kann sie nachvollziehen!

11. Wie muß man in diesem Zusammenhang die Nailaer Ärzte-Studie beurteilen?

Aufgrund der lückenhaften und teils widersprüchlichen Angaben in den Medien ist eine Beurteilung
weder aus hochfrequenztechnischer Sicht noch aus statistischer Sicht möglich. So fehlen die
tatsächlichen Fallzahlen und die Auswerteverfahren. Weiter fehlt eine Korrelation zwischen
Feldstärke des Mobilfunksenders und beobachteter Krebshäufigkeit, so erscheint die Festlegung des
gefährlichen 400 Meter - Kreises willkürlich. Nur die Anwesenheit des Senders sagt ohne
Kenntnisse über Antennenanlage und Betriebsart nichts aus. Auch ist die alleinige Auswertung von
Krankenakten prinzipiell mit einem Fehler behaftet: die gesunden Leute, die kaum zum Arzt gehen
(müssen) fallen aus der Statistik heraus. Zudem gibt es in Naila mehr als einen Mobilfunk-
Sendestandort, es fehlt auch hier an Information. Ferner ist unter den Ortsansässigen bekannt, daß in
einigen Ortsteilen von Naila schon lange vor Errichtung der Mobilfunk-Sender rätselhafte
Krebshäufungen aufgetreten sind.
Ansonsten enthalten die Presse-Mitteilungen der Ärzte-Gruppe jede Menge von zweifelhaften bis
schlicht falschen Behauptungen. Hier sind wir wieder bei den modernen Mythen: fragwürdige
Behauptungen werden ungeprüft abgeschrieben (sofern sie zielführend sind) oder aus zeitlichen
Übereinstimmungen werden bewiesene Zusammenhänge nach Ursache und Wirkung konstruiert.
Da fragt man sich: wie würden wohl die bekannten Herren Doktores reagieren, wenn ein paar
Ingenieure anfangen, Studien über die Wirksamkeit medizinischer Behandlungsmethoden zu
veröffentlichen?

12. Was ist von den Entstörgeräten gegen Handywellen zu halten?

Sie nützen in erster Linie dem Bankkonto des Vertreibers. Eine physikalische Wirkung ist bei den
"Entstöraufklebern" und dergleichen nicht nachweisbar. Die Produkte scheinen den gleichen
Werkstätten zu entstammen, die auch Magnetfeldmatten zur Beseitigung von Erdstrahlen oder
Elektromagnetische Umweltverträglichkeit (EMVU) Seite - 6 - 10.09.2004 jir
Wassermodule zur Entstörung vonWasseradern anbieten. Wenn es dem einzelnen als
psychologische Krücke hilft, mit der vermeintlichen Gefahr umzugehen, dann gut!

13. Wie aufwendig sind Messungen der Feldstärken bzw. Leistungsdichten vor Ort?

Die Meßtechnik besteht aus unhandlichen Meßantennen und entsprechenden Meßempfängern, die
einen Anschaffungswert von 20000....100000 Euro repräsentieren. Dazu kommt ein beträchtlicher
Zeitaufwand: an jedem Meßpunkt muß das Maximum der Leistungsdichte jedes in Frage
kommenden Senders erfaßt werden. Eine orientierende Messung, z.B. auf einem Balkon oder einer
Terasse, braucht schon eine halbe Stunde Zeit. Bei mehreren Messungen auf dem Grundstück
kommt so ein Zeitaufwand von einem Tag und Kosten von mehreren tausend Euro zusammen.
Die einfachen "Elektrosmog-Tester" für einige 100....100 Euro, die für Privatleute und Baubiologen
angeboten werden, funktionieren entweder garnicht (so ein "Meßgerät" für elektrische und
magnetische 50Hz-Felder, das für teures Geld verkauft wurde) oder die Fehlergrenzen sind sehr
groß: ein Elektrosmog-Meßkoffer für 2000 Euro hat laut Prospekt schon ein Fehlerband, das von ¼
bis zum 4-fachen des realen Wertes reicht. In dieser Angabe sind noch nicht die Auswirkungen von
Handhabungsfehlern und Umgebungseinflüssen berücksichtigt.

14. Wo liegen die Kernprobleme in der Elektrosmog-Diskussion?

Ein Punkt ist sicherlich der Unterschied zwischen tatsächlicher Gefährdung und individueller
Risikobeurteilung. Wir haben rund 25000 tödliche Unfälle in Haushalt und Freizeit pro Jahr, aber
niemand würde ein Gesetz mitsamt einer Haushaltspolizei akzeptieren, das Hausarbeit nur noch mit
Schutzhelm und Sicherheitsanzug zuläßt. Ein großer Teil der Bevölkerung raucht, bewegt sich zu
wenig oder ernährt sich ungesund, obwohl das Jahre später unumstritten zu massiven
Gesundheitsstörungen führt. So gesehen ist das Restrisiko bei der Anwendung von Funksystemen
vernachlässigbar. Es erscheint fragwürdig, ob es statistisch überhaupt vom großen Untergrund
anderer Erkrankungen trennbar ist.
Der zweite Punkt ist, daß jedem selbsternannten Experten alles geglaubt wird, obwohl sein
Fachwissen unbekannt ist und sein Auftreten eher zu den Quacksalbern vergangener Jahrhunderte
paßt (siehe Zeitungsausschnitte im EMVU-Ordner). Herr Bublath verglich das Anfang August in
der ZDF-Sendung "Abenteuer Forschung" mit Gurus und ihren Anhängern. Manche Bürger neigen
dazu, stets die exotischste Erklärung als die wahrscheinlichste zu akzeptieren. Der "Elektrosmog"
muß wie früher die Erdstahlen, Wasseradern, falsch polarisierter Sand in Sicherungen oder der böse
Blick der Nachbarn als Ursache vielfältiger Befindlichkeitsstörungen herhalten. Und da gilt der alte
Mediziner-Spruch: ein gesunder Mensch ist nicht lange genug untersucht worden.
Umgekehrt wird hochfrequenztechnischen Fachleuten grundsätzlich unterstellt, daß sie entweder
von der Industrie gekauft sind oder unfähig sind, etwas zu finden. Kernsatz einer "Elektrosmog-
Tante" aus Coburg nach Ablehnung eines Wunsch-Gutachtens: wenn man nichts finden will, findet
man auch nichts.
So scheitert sachliche Aufklärungsarbeit oft an einer Mischung aus Unbelehrbarkeit und
mangelnder naturwissenschaftlicher Bildung. Wenn jemand seine Mathematik- und
Physikkenntnisse aus der Schule mal hervorholt, lassen sich schon viele Aussagen aus der
Elektrosmog-Szene widerlegen.
Mir fallen dabei immer Parallelen zur Ultra-HiFi-Szene ein, wo physikalische Grundlagen
problemlos auf den Kopf gestellt werden; trotzdem glauben die Anhänger jeden Blödsinn und geben
viel Geld für Super-Kabel oder CD-Polarisierer aus. Jeder, der die "Forschungsergebnisse"
anzweifelt, wird sofort niedergemacht. Wenigstens richten die Jungs außer Lärmbelästigung keinen
größeren Schaden an, also läßt man sie weiter an ihr sauerstoff-freies Spezialkabel mit
Sonderkunststoff-Schirm für 800 Euro glauben....

15. Ist die Elektrosmog-Diskussion neu?

Nein, ähnliche Glaubenskriege begleiten technische Innovationen seit fast 200 Jahren:
Gelehrte Herren erklärten bei Einführung der Eisenbahn, daß die hohe Geschwindigkeit von 15...20
km/h bei den Reisenden eine unheilbare Gehirnkrankheit, das Delirium Furiosum auslöst. Daß ein
rüstiges Pferd schneller ist und man das als Reiter offenbar aushält, störte nicht.....
Ebensolche Experten wollten vor 100 Jahren die Einführung von Feuerwehr-Fahrzeugen mit
Verbrennungsmotor verhindern, weil es zu gefährlich ist, mit einem benzinbetriebenen Fahrzeug
zum Brandort zu fahren......
Selbst die drahtgebundenen Telegrafenlinien standen unter Beschuß selbsternannter Experten, wie
folgender Auszug aus dem Buch Weltverkehr von Michael Geistbeck von 1895 zeigt:
Als im Jahre 1848 eine elektromagnetische (Telegraphen-)Linie von Hamburg nach Cuxhaven im
Bau begriffen war, legten die Bewohner vieler Ortschaften im Hannöverschen, durch deren
Gemarkungen dieselbe ging, bei der Behörde und in öffentlichen Blättern gegen die Durchführung
Protest ein, da der Telegraph einen nachteiligen Einfluß auf das Gedeihen der Feldfrüchte ausübe;
die Drähte zögen, behaupteten die Bauern, bei aufkommenden Gewittern die Elektricität in solchem
Grade ab, daß sich die Gewitterwolken des fruchtbringenden Regens nicht entladen könnten, die
Pflanzen also notwendig verdorren müßten; und nicht bloß ihr Eigentum, sogar ihr Leben werde
gefährdet, indem die Drähte den Blitz plötzlich anzögen und nicht stark genug wären, selbigen
fortzuführen. Auch unterließen sie nicht, einfließen zu lassen, daß sie, die Bauern, eigentlich die
kompetentesten Beurteiler in derartigen Fragen seien; den sie allein hätten von den Gesetzen der
Natur infolge der täglichen Anschauung einen klaren, gesunden Begriff. Und als am 18. Juli 1849
bei dem Dorfe Warstade ein in der Nähe der Telegraphenlinie befindliches Bauernhaus vom
Blitzstrahle entzündet wurde, konnte man die Bewohner nur mit Mühe davon abhalten, die
Telegraphenmasten umzuhauen. Die Telegraphenlinie mußte aber, soweit sie durch das Dorf lief,
verlegt werden. Es sind dies Vorkommnisse, wie sie auch noch später sich zutrugen.
Das Ganze könnte auch heute geschrieben sein, wenn man statt Telegraphenmasten
Mobilfunkmasten setzt.

Prof. Dr. Jochen Jirmann
10.09.2004