41.175 QSOs aus der Südsee oder in 20 Tagen um die Welt

Reiner Schloßer, DL7KL

Zweiter Teil


Am Samstag dem 17. März übernehme ich um 05:00 Uhr von Andy das 40-Meterband. In Europa ist es jetzt 17:00 Uhr. Die Signale sind schwach, außerdem mit Aurora behaftet, weiterhin beeinträchtigt ein unbekanntes Überhorizontradar den Funkverkehr. In der Nacht ist der Mast der 80-Meter-Antenne etwas in sich zusammengerutscht. Sigi muß einen Antennentuner zuschalten, um den morgendlichen Betrieb aufrecht zu erhalten. Einen Tag später bin ich von Mitternacht bis 05:00 Uhr morgens QRV. Die Bedingungen sind grottenschlecht, ich schaffe in diesen Stunden gerade einmal 80 QSOs. Nach dem Frühstück beschließen Andy und ich, mit dem Bus in die Hauptstadt Nuku´alofa zu fahren, um einige Besorgungen zu machen. Es dauert ungefähr eine Stunde bis zum Zentrum weil, bis auf wenige Ausnahmen, nur Geschwindigkeiten bis zu 40 Kilometer pro Stunde erlaubt sind. Eine Frau bietet mir ihren Sitzplatz an, ich bin ziemlich überrascht und sage natürlich dankend ab. Die öffentlichen Gebäude und die akkreditierten Botschaften haben Halbmast geflaggt, König Tupou V. ist am Sonntag in Hongkong gestorben. Außerdem sieht man bereits an vielen Häusern Trauerschmuck, schwarze Bänder mit violetten Schleifen. Um die Mittagszeit sind kaum Passanten auf der Straße, es ist einfach zu heiß. 2006 ist die Stadt nach schweren Unruhen fast vollständig abgebrannt und man sieht noch große unbebaute Flächen. Wir machen einige Fotos vom Hafen und von der Innenstadt. Auf der Terrasse eines Restaurants legen wir eine kleine Pause ein und bestellen das uns bekannte Mata Makka Bier. Die beiden Serviererinnen sind sehr freundlich und plaudern mit uns, sie wollen gerne wissen wo wir herkommen und ob wir hier unseren Urlaub verbringen, selbstverständlich dürfen wir auch ein Foto von Ihnen machen.


Heute am 21. März am Abend, zwei Tage vor Beendigung der Expedition, richtet Sven für alle Gäste ein Barbarque aus. Ein Ferkel soll gegrillt werden und alle wünschen sich, daß alles im Erdofen, dem Umu, passieren soll. Schon den ganzen Vormittag sind die vier Angestellten dabei, Kokosfleisch zu raspeln und Soßen anzurichten. Die Beilagen werden mit Cornedbeef versehen und in Aluminiumfolie eingewickelt. Der große Fisch wird fachmännisch (fachfraulich) in ein großes Bananenblatt gelegt und kunstvoll verschnürt. Dazu wurden vorher aus den Bananenblättern Fasern gezogen, während Richard, der einzige männliche Angestellte, bereits trockenes Holz gesammelt und zusammen mit Kokosnußschalen in das vorbereitete Sandloch gelegt hat. Obenauf kommt Lavagestein und das Ganze wird letztlich angezündet. Nachdem alles verbrannt ist, werden die in Folie gewickelten Beilagen und der Fisch auf die glühende Lava gelegt, schließlich kommt das kleine Schwein dazu. Alles wird säuberlich mit Bananen- und Palmenblätter abgedeckt, einschließlich einer großen Jutematte. Zum Schluß wird alles mit Sand zugeschüttet. Nach gut einer Stunde ist die Sache gelaufen. Nun wird die gesamte Abdeckung vorsichtig entfernt und das Grillgut entnommen. Alles hat großen Appetit und es hat sich schon eine lange Schlange gebildet, um die Leckereien auf geschälten Bananenblattstämmchen serviert zu bekommen. Außerdem können die Gäste zwischen Kartoffel- und Nudelsalat wählen und verschiedene Soßen und auch Hühnchen. Sven hat zusätzlich noch einen großen Gasgrill in Betrieb genommen, um noch einige Sorten Würstchen anzubieten. Nachdem sich alle die Bäuche vollgeschlagen haben, es ist bereits dunkel, sehen wir noch einige Hula-Hula-Tänzchen, dargeboten von jungen Hüfte schwingenden Tongaerinnen, die charmant zum Mitmachen animieren. Was bei keiner Zusammenkunft in Tonga fehlen darf ist die traditionelle Kava-Party. Kava ist ein Gesöff hergestellt aus der Pfefferbaumwurzel. Es hat eine leicht narkotisierende Wirkung und soll, ähnlich Baldrian, beruhigen und Angstzustände lösen. Zur Zubereitung dieses Getränkes wird das aus den Wurzeln der Kava Kava Pflanze gewonnene Pulver zerrieben und mit Wasser oder Alkohol aufgegossen. Es sieht aus wie Abwaschwasser, und es schmeckt auch so! Jedem, der in die Hände klatscht, wird die Schale gereicht, ich klatsche nur einmal und fühle anschließend, wie meine Zunge taub wird. In Tonga gibt es regelrechte Kavaclubs, wo sich die Leute bis zum Umfallen „die Kante geben“. Ich stelle fest, daß das nicht meine Geschmacksrichtung ist und hole mir zum „Nachspülen“ ein Mata Makka Bier. (http://www.worldtrip.de/Tonga/Tonga-Tagebuch/Kava-Tonga/kava-tonga.html)

Donnerstag, der 22. März, vier Stationen sind besetzt, eine davon in RTTY-Betrieb. Ich bin auf 15 Meter in CW QRV. Es ist irgendwann in der Nacht, auf dem Band baut sich ein riesiges pile up auf. Ich versuche, flotten Funkbetrieb mit Europa durchzuführen, aber es funktioniert wieder einmal nicht. Die Disziplinlosigkeit nimmt kein Ende, es wird ohne Rücksicht dazwischengerufen und man hat große Probleme, die angerufene Station weiterhin aufzunehmen. Ich merke mir einige Rufzeichen der störenden Stationen und vermeide ihren Eintrag ins Log! Die QSO-Raten gehen natürlich beträchtlich zurück, so macht funken auf keinen Fall Spaß. Ich schätze die gute Betriebstechnik der amerikanischen und japanischen Funkamateure, es meldet sich wirklich nur die Station zurück, die von mir angerufen wird, sonst ist Ruhe auf dem Band. Trotz des großen Getümmels versuche ich bei Sonnenaufgang gezielt deutsche Stationen zu erreichen. Kurz vor acht Uhr kommen wir alle zum Frühstück zusammen, die, die gerade eben noch an den Geräten gesessen haben, und die, die nach kurzem Schlaf schon wieder aufgestanden sind. Zum polynesischen Frühstück gibt es zwei Scheiben Toastbrot mit einem kleinen Stück Butter, hausgemachte Papayamarmelade und einheimische Früchte, alles auf geschnittenen Bananenblätter mit einer Blumenblüte serviert. Ich tausche ständig mit meinem Nachbarn Leszek Melone gegen Kokosnuß ein, außerdem gibt es heißes Wasser für Nescafe oder Tee. Frank hat um diese Zeit immer seinen Laptop dabei und er berichtet über Neuigkeiten und gute „Ratschläge“ von schlauen Leuten, die für uns per email übermittelt wurden. Außerdem gibt er den aktuellen Stand der getätigten QSOs bekannt.

Polynesisches Frühstück
Wo bleiben die Getränke?

Das nächste Essen wird es erst wieder gegen 19:00 Uhr geben und so sprechen die Kollegen bereits von einer Diätexpedition! Abends kann man zwischen Hühnchen, Thunfisch oder Red Snapper wählen, ein in allen subtropischen Meeren vorkommender Speisefisch. Einmal serviert Sven auf unseren ausdrücklichen Wunsch zum Abendbrot Königsberger Klopse, auch gibt es zweimal Spaghetti Bolognese. Wir sind richtig glücklich, einmal etwas anderes zu essen.

Jan, SP3CYY
Les, SP3DOI
Frank, DL7UFR und Andy, DL5CW
Manfred, DK1BT und Jan, SP3CYY
Wolf, DL4WK und Jan, DL7UFN
Reiner, DL7KL und Wolf, DL4WK

Der letzte Abend bricht für uns an. Nach dem Abendbrot sitzen wir noch gemütlich zusammen, nachdem wir bereits - bis auf zwei - die Antennen abgebaut haben. Zwei Stationen sollen noch für die letzte Nacht in Betrieb bleiben, wir haben bereits über 40.000 QSOs im Log. Wir gönnen uns ausnahmsweise statt Bier einige Cola mit Barcardi, einige trinken urdeutschen Jägermeister als „Verteiler“ getarnt (man muß ja einen Grund haben, hi). Einige Stunden später, es ist schon Freitag 13:00 Uhr UTC in Europa und 02:00 Uhr nachts auf Tonga, hat A35YZ das letzte QSO mit OH2BCK auf dem 30-Meterband, ich gebe anschließend QRT CL CL, damit ist die Tonga-Dxpedition 2012 beendet. Wir haben 41.175 QSOs im Log. Mir verbleiben noch vier Stunden Schlaf bis die restlichen Antennen abgebaut und die beiden Transceiver und die Endstufen verpackt werden müssen. Der Bus zum Flugplatz Fua´amotu ist bereits für 08:00 Uhr bestellt. Es ist wieder ein wunderschöner wolkenloser Morgen, wie schon in den vergangenen Tagen unseres Aufenthalts auf Tonga. Das Fahrzeug steht schon zur Abfahrt bereit; es ist ein herzlicher Abschied, alle Angestellten und Sven mit seiner Ehefrau Caroline wünschen uns eine gute Reise und glückliche Heimkehr und hoffen, daß vielleicht einige einmal zurückkommen werden.

                                                                                                Auf Wiedersehen, Alu a nofo a.

 

Fahrt zum Flugplatz Fua´amotu
Es geht wieder zurück nach Neuseeland

Am Flugplatz geben wir unser gesamtes Gepäck auf und es wird glücklicherweise bis nach Berlin-Tegel durchgecheckt. Jedoch muß jeder vor dem Verlassen des Flughafengebäudes sein Handgepäck unter der Aufsicht einer Air New Zealand Angestellten auf eine Waage legen. Sigi hat 300 Gramm zuviel in der Tasche, er nimmt seine Jacke heraus und zieht sie an, nun stimmt alles wieder. Crazy! Die Boeing 767-300 der Air New Zealand startet pünktlich um 10:00 Uhr und nimmt südlichen Kurs auf Auckland. Nach fast drei Stunden sind wir am Ziel. Nun haben wir einen Aufenthalt von acht Stunden, bis die Maschine zum Flug nach Los Angeles starten wird.

Auckland Airport
Bei Burger King
Gibt es Neuigkeiten? Sigi und Frank, Jan
Boardingtime

Boardingtime ist erst um 22:45 Uhr Ortszeit. Frank meint, wir sollten uns alle eine Pizza bestellen. Als wir aber feststellen, daß eine einzige fast 20 Neuseelanddollar kostet, lehnen wir dankend ab und begeben uns zum Burgerking und würgen uns irgendeinen Wopper mit Pommes rein. Für zwei von uns trennen sich nun die Wege, Andy, DL5CW, fliegt mit China Air über Taiwan und Bangkok weiter nach Berlin. Leszek, SP3DOI, wird gleich zu den Cook-Inseln weiterreisen, um sich einer anderen deutschen Funkexpedition (E51M) anzuschließen. Wieder liegt eine Entfernung von mehr als 8.000 km über den Pazifik vor uns. Es ist eine unruhige Nacht. Ich sitze mit den Kollegen ziemlich weit hinten im Flugzeug, auf einem ungünstigen Mittelplatz. Man hört das starke Geräusch der Triebwerke und das Flugzeug rüttelt und schüttelt sich, offensichtlich herrscht ein starker Gegenwind in 11 Kilometer Höhe. Der Hinweis FASTEN SEAT BELT bleibt über Stunden eingeschaltet, an Schlaf ist nicht zu denken.

Morgendämmerung über dem Pazifik
Flugroute

Nach zehn Stunden erreichen wir Los Angeles und haben einen Zwischenstopp. Es ist schon wieder hellichter Tag. Da wir uns auf amerikanischem Territorium befinden, obwohl wir nicht einreisen, müssen wir trotzdem Fingerabdrücke nehmen lassen; außerdem werden wir fotografiert. Kein Aufenthalt in den USA ist mehr möglich, ohne sich vorher online autorisiert zu haben. Jeder muß vorher einen Antrag auf Erteilung einer Reisegenehmigung stellen. Das Verfahren heißt ESTA, Electronic System for Travelling Authorization. Air New Zealand stellt uns für die Wartezeit Kaffee, Tee und kleine Snacks bereit. Die vorletzte große Etappe steht uns nun noch bevor, über den gesamten amerikanischen Kontinent, über Labrador, der Südspitze von Grönland, nach Europa. Wieder 12 Stunden ohne Bewegung, ohne Schlaf. Ich versuche mich durch das bordeigene Entertainment wach zu halten und schaue mir zwei Filme mit George Clooney an. Am nächsten Morgen erreichen wir London Heathrow, wir können uns aber hier nichts kaufen, da wir keine englische Pfund mit uns führen (was für eine Währung!). Also warten wir, bis zum Flug nach Berlin, die drei Stunden ab. Die zwei Stunden Flugzeit vergehen schnell bis die Maschine in Tegel gelandet ist. Unser Gepäck ist auch vollzählig mit angekommen und so wir werden wieder abgeholt und nach Kaulsdorf gebracht, wo unsere Autos stehen. In 20 Tagen sind wir einmal um den Erdball geflogen und sind zufrieden, wieder gesund zurückgekommen zu sein. Die ersten Luftpostbriefe aus aller Welt sind schon bei Sigi angekommen und für Frank, als QSL-Manager, beginnt nun eine aufopferungsvolle Zeit, alle zu beantworten. Ich übernachte noch einmal in der Pension Domino und am nächsten Morgen bekomme ich endlich mal wieder ein super Frühstück gereicht, Rührei mit Speck, Scheibenkäse, Wurst, Schinken mit drei Schrippen. Nach 4 ½ Stunden bin ich zurück in Barkelsby und erhole mich ganz langsam von der schönen aber anstrengenden Reise.

Zurück in Berlin-Tegel
Die ersten QSL-Karten sind schon da
Unsere QSL-Karte