Abschied von der Mittelwelle

Der SWR stieg Anfang Januar 2012 aus der Mittelwellenversorgung aus und setzt in Zukunft auf das Digitalradio. Damit beginnt eine neue Rundfunkära - und eine andere geht zu Ende. Am Beispiel des Rheinsenders in Wolfsheim erzählen wir die Kindheitsgeschichte der Mittelwelle.

Rheinsender in Wolfsheim bei seiner Einweihung
Rheinsender in Wolfsheim bei seiner Einweihung

Der Rheinsender war 1950 das erste Großprojekt des jungen Südwestfunks und wurde in einer Zeit errichtet, in der im Südwesten Deutschlands im Gegensatz zu anderen Besatzungszonen keine sendertechnische Infrastruktur vorhanden war.
Die Mittelwelle, ein drahtloser Nachrichtenverbreitungsweg, hat lange Tradition und ist mit sehr einfachen Mitteln empfangbar. Doch sie hat bei dem heutigen, nach wie vor wachsenden, Bandbreitenbedarf als Verbreitungsweg keine realistische Chance mehr. Die Mittelwelle hat eine gerade noch akzeptable Sprachverständlichkeit, also eher Telefonqualität als HiFi. In vielen Rundfunkempfängern ist ein MW-Empfänger schon nicht mehr eingebaut. Mehrere Länder haben bereits ihre Mittelwellensender abgeschaltet, darunter sind auch berühmte Stationen wie Radio Beromünster in der Schweiz.


Der Bau des Rheinsenders: eine Rückblende

Mittelwellenempfänger
Mittelwellenempfänger

Der Zweite Weltkrieg war zu Ende, der Südwesten Deutschlands unter französischer Militärverwaltung. Mit den Verordnungen 187 und 188 des Hochkommissars der französischen Besatzungszone wurden dem neu gegründeten Südwestfunk sowohl die Programmhoheit als auch die Ausstrahlungshoheit übereignet. Dies bedeutete das Aus für den Neubau eines Mittelwellengroßsenders unter Posthoheit. Die Post wurde entschädigt, mehrere Spezialisten wechselten zum SWF und bildeten die Keimzelle der Sendertechnik des SWF. Mit geringfügigen Änderungen wurde der Rheinsender durch den Südwestfunk weitergebaut und ging am 15. Mai 1950 auf der Frequenz 1016 kHz mit 70 kW Leistung auf Sendung. Die Frequenz wurde durch die französische Verwaltung koordiniert, da Deutschland während der Kopenhagener Wellenkonferenz 1948 nicht vertreten war.

Hohe bürokratische Hürden vor der Einweihung des Senders

André François-Poncet und Intendant Friedrich Bischoff
André François-Poncet und Intendant Friedrich Bischoff

Es ist heute kaum noch vorstellbar, unter welchen Bedingungen der Bau dieses Großprojektes begonnen wurde. Keine diesbezüglichen Entscheidungen konnten frei getroffen werden. Pläne, Beschlüsse, Finanzierung mussten bei der französischen Militärverwaltung eingereicht und genehmigt werden. Selbstverständlich wurden alle Schriftstücke ins Französische und wieder zurück übersetzt. Sogar die Briefköpfe der am Bau beteiligten Unternehmen fielen unter diesen Zwang.
Die Einweihung des Senders 1950 war ein wichtiges Ereignis für Rheinland-Pfalz; Politik, Intendanz und natürlich die französische Militärverwaltung waren dabei. Kein Geringerer als André François-Poncet, der damalige französische Hochkommissar und spätere französische Botschafter in Deutschland, hielt eine Rede.
Copyright - SWR: Maria Betzler, Michael Neubert