Und dann war es auch schon wieder vorbei, mein erstes Notfunkwochenende. Das bisschen, was ich über die Notfunkwochenenden wusste, war vielversprechend, und nach einem ersten Blick auf das aktuelle Programm und den Kalender war klar, dass ich da hinmuss. Bepackt mit Zelt, Isomatte und einer überschaubaren Zahl an Funkgeräten bestieg ich am Frühanreisemittwoch den Zug von Leipzig nach Utzmemmingen, in der gefühlten Mitte zwischen Stuttgart, Nürnberg und München.
Anreise
Bei meiner Ankunft wurde ich – der ich keine Ahnung hatte, wer oder was mich genau erwartete – vom Aufbauteam mit offenen Armen begrüßt und konnte den letzten Vorbereitungen unseres Zuhauses für die nächsten Tage beiwohnen. Schnell war klar, dass hier wenig Platz für Langeweile oder schlechtes Essen eingeplant war, und offenbar hatten wir sogar mit dem Wetter großes Glück. Es waren Teilnehmer aller Alters- und Amateurfunkklassen anwesend, und überall war große Vorfreude und Neugierde auf die nächsten Tage spürbar.
Nachdem die Feldküche eingerichtet, die Besprechungszelte und die Funkanlage aufgebaut, der umgebende Landkreis mit dieser ausgeleuchtet, das Camp eingeleuchtet und schlussendlich alle Wohnmobile, Groß- und Kleinraumzelte rechtzeitig an Ort und Stelle waren, konnte die Veranstaltung beginnen.
Einführung
Oliver (DL7TNY) führte uns gedanklich ins Thema Notfunk ein: Wie verorten wir uns als Amateurfunker im Katastrophenfall? Welche Herausforderungen und Verpflichtungen betreffen uns? Wie können wir helfen, ohne den Rettungsorganisationen wie DRK, Katastrophenschutz oder THW im Weg zu stehen oder gar selbst zum „Notfall“ zu werden? Und, vielleicht am wichtigsten: Was sind unsere spezifischen Stärken, wenn im Krisenfall Kommunikationswege ausgefallen sind?
Nachdem wir verschiedene Notfunkkonzepte betrachtet hatten, die z. B. die Herausgabe von UHF-Funkgeräten oder den Aufbau fernschriftlicher Strecken auf Basis von Winlink oder RTTY vorsahen, stellte Oliver uns das aktuelle Notfunkkonzept vor. Im Bedarfsfall soll auf Basis der AREDN-Mesh-Technologie eine IP-basierte Telefonvermittlung in Landkreisdimension errichtet werden. Bedarfsträger wie z. B. Bürgermeister und Landräte sollen so eine niedrigschwellige Kommunikationsmöglichkeit erhalten können, die nicht rund um die Uhr von Amateurfunkern betreut werden muss. Da sich die handelsübliche WLAN-Komponenten mit Amateurfunk-Firmware einfach konfigurieren lassen, können auch Funkamateure das System aufbauen, die eben keinen Doktor in angewandter Nachrichten- oder IP-Technik haben.
Die Gruppe war geteilt in Einsteiger – wie mich – und Fortgeschrittene, die bereits mindestens ein Notfunkübungscamp besucht hatten. Entsprechend dieser Aufteilung standen die zwei folgenden Tage im Zeichen der Einführungsseminare: Während sich die Fortgeschrittenen mit Organisation und Mitarbeiterführung sowie den technisch weiterführenden Themen des Vorhabens befassten, wurden uns Einsteigern die Grundlagen der technischen Umsetzung vermittelt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus allen Himmelsrichtungen, die Stimmung war ausgesprochen offen, und an jedem Tisch lauerten Gespräche auf hohem Niveau, ob über Amateurfunk, Stahlverhüttung, Massenspektrometrie im Bodensee oder banale Kochtechniken.
Den Auftakt machten Gerrit (DH8GHH) und Andreas (DL4NRO) mit Grundlagen der IP-Netze und Mesh-Technologie bzw. dem Aufbau von Mesh-Netzwerken und der digitalen Telefonvermittlung. Lars (DC4LW) ging mit uns die Grundlagen der Kartenkunde und Navigation durch, die uns beim Planen der Linkstrecken und bei der Organisation des Raumes helfen sollten. Daniel (DK3QX) und Mario (DM5AHA) erläuterten uns die relevanten Aspekte der Führungsstruktur und des Funkbetriebs, gepaart mit einer Auffrischung der Betriebstechnik. Ein Seminar zum Arbeitsschutz von Christoph (DL1DRK) rundete die theoretische Einführung der „Neuen“ ab.
Übung
Begleitet wurde dieses zweitägige Seminar von praktischen Übungen im Feld. Mit Lars führten wir eine Navigationsübung durch, bei der sich verschiedene Teams gegenseitig per Funkgerät durch den Landkreis lotsen mussten. Mit Daniel und Mario nahmen wir, ebenfalls in kleinen Teams, unter den Laborbedingungen des Campingplatzes, unsere Notfalltelefonanlage in Betrieb. Dabei sammelten wir erste Erfahrungen mit der Anlage und der nötigen Betriebstechnik. Da wir recht frei und „an der langen Leine“ agieren konnten, funktionierte nicht alles, wie wir das vorgestellt haben und wir gerieten auch in manch Sackgasse, was dann später ausführlich diskutiert wurde – eine gute Vorbereitung auf die grosse Übung, in der wir dann autark im Feld arbeiten mussten.
Am Tag der Übung wurde ich von der benachbarten strategischen Lagebesprechung des Küchenteams aus dem Schlafsack geworfen. Ein flächendeckender Stromausfall hatte Kommunikationswege, Beleuchtung und in unserem Fall auch die Kaffeeversorgung lahmgelegt – es war also ernst. Der Landrat beauftragte „uns“ mit der Errichtung verschiedener Telefonstrecken an exponierten Orten. Ab sieben Uhr früh plante die Führungsstruktur, die sich aus fortgeschrittenen Notfunkern zusammensetzte, die Funkstrecken. Umgesetzt werden, sollten sie von den Aufbautrupps, die zu weiten Teilen aus uns Einsteigern bestanden. Während die Planung voranschritt, wurden einzelne Erkundungstrupps losgeschickt, um die Realisierbarkeit zu prüfen, denn die Planung beruhte auf Kartenmaterial und nicht auf persönlicher Anschauung der Gegebenheiten. Dabei wurde die Führungsmittelsoftware FUMA eingeweiht, ein Kind des Notfunkreferats, die genau diese Planung vereinfachen soll. Für uns Einsteiger war sie aber noch recht fern – wir mussten, wahrscheinlich realitätsnah, erst mal warten.
Gegen Mittag waren die meisten Fragen geklärt, und die ersten Teams machten sich mit der Technik auf den Weg, um die Standorte zu besetzen, die uns aus FUMA heraus zugewiesen wurden. Hier zeigte sich vieles, was wir in den vorangegangenen Tagen geübt hatten, zum Beispiel wenn Teams ohne Sichtkontakt eine Funkverbindung herstellen und sich per Funk die Lage beschreiben mussten. Wir sammelten viele neue Erfahrungen und wurden im Rahmen des Szenarios auch von unvorhergesehenen Ereignissen überrascht, die uns auf die Herausforderungen der Realität vorbereiten sollten. Am Ende der Übung hatten tatsächlich alle Teams über teilweise bis zu 8km lange Linkstrecken eine Telefonverbindung hergestellt – ein voller Erfolg.
Abschluss
Am letzten Tag werteten wir die gemachten Erfahrungen in Abschlussbesprechungen aus. Prozessbeobachter von Bundeswehr und DRK äußerten unverblümt, was aus ihrer Sicht „schiefgegangen“ war und wie man in Zukunft besser agieren kann. Den Abschluss bildete das gemeinsame Aufräumen, bei dem wir das Camp in Rekordzeit verpackten und für die Spedition bereitstellten.
Das war eine Megaveranstaltung, ich konnte erfolgreich mehrere persönliche Horizonte erweitern und freue mich über jedes Treffen und jede Erinnerung, die ich dort machen dürfte. Ein weiteres Mal wurde mir gezeigt, was für ein cooler Haufen wir Amateurfunker sein können und was sich hier, neben den anderen Möglichkeiten, für irrsinnig tolle Leute verstecken. Ich freu mich wie ein kleines Kind auf die nächste Veranstaltung mit neuen Erfahrungen, Gesprächen und Telefonverbindungen.
Daniel, DM7PL






