Zelt statt Turnhalle: Wie in Oregon gerade Waldbrände bekämpft werden

    Zelt statt Turnhalle: Wie in Oregon gerade Waldbrände bekämpft werden

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      Dieser Beitrag hat mit Notfunk sehr wenig zu tun. Es geht um die Waldbrände, die seit Mitte Juli im US-Bundesstaat Oregon brennen, und um die Bedingungen, unter denen die Einsatzkräfte dort arbeiten. Ein sehr spannender Blick über den Tellerrand zu einer Lage, die wir in dieser Größe nicht kennen.

      Am 15. Juli 2026 zog eine Serie von Gewitterzellen über Zentral-Oregon. Über 2000 Blitzeinschläge wurden allein im Zuständigkeitsbereich der zentralen Forst- und Feuerwehrbehörden gezählt, in den Tagen danach entstanden dort mehr als 85 Feuer. Die Zahl stieg über eine Woche weiter an, da vom Blitz getroffene Bäume tagelang schwelen können, bevor Rauch sichtbar wird. Die meisten Brände blieben initial unter 400 Quadratmetern, jedoch begünstigten Wind, niedrige Luftfeuchte und Hitze das Wachstum einzelner Brände.

      Die Lage

      Einer der größten davon ist der Rowe Creek Complex, rund 16 Kilometer südlich der Ortschaft Fossil im Wheeler County. Er entstand am 15. Juli und lag am 10. August bei gut 366.000 Acres, rund 1483 Quadratkilometern. Das ist mehr als anderthalbmal die Fläche Berlins und das Feuer wächst weiter. Vollständig eingedämmt ist es bis heute nicht. Wichtig dabei ist, dass es kein einzelnes Feuer ist, sondern ein Komplex. Mehrere ursprünglich getrennte Brände sind zusammengelaufen und werden seither als eine Lage geführt. An der Kreisgrenze zwischen Wheeler und Jefferson County wurde die Zuständigkeit geteilt, damit die Lage weiterhin steuerbar bleibt.

      Weiter südlich, zwischen den Ortschaften Post und Paulina im Crook County, brannten zeitgleich zwei vergleichsweise kleinere Feuer aus demselben Gewitter: das Henry Fire mit rund 120 Quadratkilometern (etwa die Fläche von Sylt) und das Coyote Fire mit rund 71 (knapp der Chiemsee). Der Hay Creek Complex, als weitere Ansammlung von Feuern im Norden, liegt bei rund 810 Quadratkilometern, etwas weniger als die Fläche Berlins. Zum Vergleich: Der Waldbrand bei Lübtheen 2019, der größte in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns, umfasste rund 950 Hektar, knapp zehn Quadratkilometer. Die schwerste deutsche Waldbrandkatastrophe der Nachkriegszeit war der Brand in der Lüneburger Heide im August 1975: rund 300 Einzelfeuer, über 13.000 Hektar vernichteter Bewuchs, sieben Todesopfer, zeitweise mehr als 34.000 Einsatzkräfte aus neun Bundesländern. 13.000 Hektar sind 130 Quadratkilometer. Das schlimmste Ereignis dieser Art in der Geschichte der Bundesrepublik entspricht damit ungefähr dem Henry Fire, einem der kleineren Feuer aus diesem einen Gewitter. Der Rowe Creek Complex ist ungefähr elfmal so groß.

      Um Personen zu schützen, wurden diese weiträumig evakuiert. Betroffen hiervon waren Zonen in vier Landkreisen. In Oregon ist das System dreistufig und nach dem Muster „Ready, Set, Go" aufgebaut. Stufe 1 heißt Vorbereiten, also Papiere und Medikamente zusammenpacken und die Lage verfolgen. Stufe 2 heißt Abfahrbereitschaft – das Auto ist gepackt, und man kann jederzeit ohne weitere Vorwarnung aufgefordert werden, zu fahren. Stufe 3 heißt sofort losfahren, ohne noch etwas mitzunehmen.

      Die Führung

      Wie eine Lage dieser Größe in Deutschland geführt würde, lässt sich nicht in einem Satz sagen. Katastrophenschutz ist Ländersache, die Stabsorganisation von Land zu Land unterschiedlich geregelt. Gemeinsam ist den Modellen, dass der Stab bei der zuständigen Behörde entsteht und die Zuständigkeit dort bleibt. In den USA reist ein fertiger Stab an und übernimmt.

      Am Rowe Creek Complex übernahm ein örtliches Team am 16. Juli um 18 Uhr, zwei Tage nach Ausbruch, die Einsatzleitung. Am 18. Juli um sechs Uhr morgens löste es das Pacific Northwest Team 2 ab, gemeinsam mit einem Team des Oregon State Fire Marshal. Als der Komplex weiter wuchs, führten zeitweise drei Stäbe parallel den Einsatz, aufgeteilt auf eine Ost- und eine Westzone. Am 2. August um sechs Uhr morgens übernahmen das Southwest-Team 2 und ein weiteres Team des State Fire Marshal den gesamten Komplex. Vier Kommandowechsel in weniger als drei Wochen. Die Übergabe Anfang August begann am Vortag mit einer Einweisung durch die abgebenden Teams. Danach liefen die neuen Teams einen vollen Tag im Schatten mit, bevor sie am Morgen die Verantwortung übernahmen.

      Die Teamnamen bezeichnen hierbei die Herkunft, nicht das Einsatzgebiet der Teams. Landesweit gab es zu Saisonbeginn 38 solcher Teams zur Einsatzleitung, verteilt auf neun Regionen, eingesetzt über eine nationale Rotation. So führt ein Stab aus dem Südwesten der USA einen Brand in Oregon. Ein Team bringt keine Einsatzkräfte mit, sondern nur die Führungsorganisation mit bis zu 90 Personen. Auffällig aus deutscher Sicht: Vegetationsbrandbekämpfung und Gebäudeschutz laufen dort teilweise getrennt. Bedroht ein Waldbrand Gebäude und übersteigt das die örtlichen Kräfte, ruft die Gouverneurin den Emergency Conflagration Act aus. Der Oregon State Fire Marshal mobilisiert dann eigene Verbände für den Gebäudeschutz, die neben der Wildland-Organisation in gemeinsamer Führung arbeiten. Auf dem Rowe Creek Complex stellte der Fire Marshal zeitweise mehrere Task Forces zu je fünf Fahrzeugen mit eigener Einsatzführung.

      Die Gliederung eines solchen Stabes kommt jedem bekannt vor, der schon einmal in einem gearbeitet hat: Einsatz, Lage, Versorgung und Pressearbeit finden sich in ähnlicher Aufteilung wieder. Zusätzlich gibt es eine eigene Funktion für Kosten und Abrechnung sowie einen Sicherheitsbeauftragten mit eigener Weisungsbefugnis. Der eigentliche Unterschied ist die Herkunft der Leute. Der amerikanische Stab ist vorab qualifiziert, kommt von außen, bekommt die Führung schriftlich übertragen und wird nach einer festgelegten Einsatzdauer komplett ausgetauscht. Das bringt Routine und begrenzt die Ermüdung. Dafür kennt niemand im Team die Örtlichkeit.

      Die Unterbringung

      Auf dem Rowe Creek Complex waren Anfang August über 2300 Kräfte gleichzeitig eingesetzt, dazu mehr als 170 Löschfahrzeuge, über zwanzig Planierraupen und elf Luftfahrzeuge. Der Standort der Einsatzleitung lag in Fossil. Fossil hatte bei der Volkszählung 2020 genau 447 Einwohner.

      Ein solch kleiner Ort hat natürlich nicht genügend Platz, um so viele Einsatzkräfte in Hotels unterzubringen. Die Unterbringung heißt daher Fire Camp, das Basislager eines Einsatzes, in dem der Stab arbeitet und der Großteil der Kräfte untergebracht, verpflegt und versorgt wird. Reicht das nicht, weil einzelne Abschnitte zu weit entfernt liegen, kommt ein Spike Camp dazu – ein kleinerer, vorgeschobener Satellit mit deutlich weniger Ausstattung, so nah an der Einsatzstelle wie sicher möglich. Auf dem benachbarten Henry Fire wurde ein solches Lager in Paulina eingerichtet und über die Einsatztage weiter ausgebaut, ausdrücklich mit dem Ziel, die Fahrzeiten zu verkürzen.

      Ein Fire Camp ist eine Wiese. Darauf stehen Kuppelzelte, wie man sie im Baumarkt kauft, dicht an dicht in Reihen. Dazu ein Riegel Dixi-Toiletten, Wassertankfahrzeuge, ein paar Wohnwagen für den Stab, Löschfahrzeuge am Rand. Kein Gebäude, kein Dach, kein Strom außer dem mitgebrachten. Tagsüber über 35 Grad. Rauch, der sich bei Windstille in den Senken sammelt. Staub, der nach Beschreibung der Fahrer wie Talkumpuder auf allem liegt.

      Das ist die komfortable Variante. Im Spike Camp draußen ist weniger.

      Die Dokumentation

      Wie ein solcher Einsatz aus der Nähe aussieht, dokumentiert der Bergungsunternehmer Casey LaDelle aus Bend auf seinem YouTube-Kanal. Ende Juli blieb südlich von Paulina ein Einsatzfahrzeug mit Achsschaden auf einem frisch angelegten Wundstreifen – einer Schneise bis ins Erdreich – liegen. Solche Schneisen werden bewusst vor das Feuer gelegt, damit es dort ausläuft. Ein liegengebliebenes Fahrzeug darauf ist ein Problem mit Ablaufdatum. LaDelle wurde mit der Bergung beauftragt. Bis er am Fahrzeug stand, hatte er drei Treffpunkte, einen Abschnittsleiter, zwei Stunden Anfahrt und mehrere Kilometer Gelände hinter sich. Dazu aufgestellte Beobachtungsposten, weil der Weg durch unverbranntes Gelände vor der Feuerkante führte und man von dort das Feuer nicht sehen kann. Als er wieder auf dem Highway war, brannte der Hang, an dem das Fahrzeug gestanden hatte.

      Das ist die normale Betriebsweise: Beobachter, definierte Rückzugswege, Arbeiten möglichst weit vor der Feuerkante. Und eine Kette von Übergaben, bis jemand tatsächlich am Einsatzort ankommt.

      Die USA bekämpfen Vegetationsbrände seit Jahrzehnten mit einer eingespielten, gut ausgestatteten Organisation. Trotzdem endet ein Einsatz dieser Größe in einer Zeltreihe auf einer Wiese. Es ist schlicht die vernünftigste Lösung, sobald die Lage groß genug und weit genug von jeder Infrastruktur entfernt ist.

      Autor: Oliver Schlag, DL7TNY

      Bildnachweis: Verwendung mit freundlicher Genehmigung von Elizabeth Guess, Public Information Officer, Northwest Team 2 – 10.08.2026

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